page Rabenzeit - das Blog der Rabenfrau: Wenn die Rabenfrau mal ins Nachdenken kommt...

Wenn die Rabenfrau mal ins Nachdenken kommt...

27 Januar 2011

Heutzutage wohnt man unverbindlich. Unser geliebter Shabby Style ist ja eigentlich nichts Ernsthaftes, man macht keine kostspieligen Anschaffungen, sondern holt sich, im besten Fall, die Möbel vom Sperrmüll. Wenn man sie denn überhaupt anpinselt, werden hinterher künstlich Gebrauchsspuren fabriziert, die das Ganze aussehen lassen, wie gerade von jemandes Dachboden geholt. Viele Leute, auch ich, möblieren das Wohnzimmer mit ollen Weinkisten, gerne mit dem (künstlichen) Dreck der Jahrhunderte als Patina.

A propos "Dreck": Wände lässt man gerne roh, oder man kann auch die alten Tapetenschichten dran lassen, gerne leicht verschimmelt aussehend. In den Schlafzimmern stellt man mobile Kleidergestelle auf, wie früher in den Reinigungen, dekorativ sind auch verzinkte Wasserrohre an Ketten von der Decke. Man kann die Klamotten auch einfach an dicken Eisennägeln aufhängen. Pullis legt man auf rohe Wandbretter mit dicken Eisenwinkeln, wer will, kann noch einen lummeligen Vorhang davor ziehen. Oder man lebt gleich aus dem (antiken) Koffer. Und das Bett besteht, wie weiland zu Studentenzeiten, aus einer Matratze auf alten Paletten.

Wer hat, hängt alte Industrieleuchten auf, wer nicht hat, nimmt einfache, nackte Glühbirnen, falls man es sich leisten kann, an edlen, bunten Leitungen und in dito Fassungen. Dabei ist es ja nicht so, dass wir nichts besitzen! Natürlich wird dekoriert! Und wie!

Wir basteln Windlichter aus alten Marmeladen- oder Einmachgläsern, stellen Blumenpötte ohne Übertöpfe auf...

... oder benutzen alte Kochtöpfe dafür. Ölgemälde kommen ohne Rahmen an die Wand, dafür hängt man alte Rahmen ohne Bilder auf. Spiegel sind am schönsten, wenn sie schon ziemlich erblindet sind und man sich darin kaum sehen kann. Auch die alten Zifferblätter, die jetzt so modern sind, haben ohne Uhr dahinter wenig Sinn und sind "nur schön". An den Dekosachen hängen oft sinnlos eine Art Preisschilder, die heute vornehm "Tags" heißen.

Überhaupt gehört zu unserem Wohnstil ziemlich viel unpraktisches Zeug: alte Kommoden und Kleiderschränke, in die nichts rein passt, aber die soooo schön sind (am besten besitzt man ein Ankleidezimmer), Küchenkram, den man besser nur zur Dekoration benutzt, weil er verrostet ist, oder weil vorher Gottwerweißwas drin war, die so beliebten Sodaflaschen zum Beispiel (man kann sie nicht mal zum Blumengießen her nehmen, weil ja oben dieser Verschluss drauf ist).

Wir besitzen Sofas und Sessel mit Schonbezügen Hussen, die verrutschen, wenn man sich drauf setzt, und die mit so vielen schönen Kissen ( unter anderem Kissen aus Jute, auf die man sein Haupt nicht betten kann, weil sie so kratzen) bestückt sind, dass sie schon wieder unbequem sind, weil unser Hintern nicht mehr richtig drauf passt...

Versteht mich recht: Ich mag ihn ja auch, den den Shabby Chic (Allerdings kann ich mich nicht mit abblätternden Farbschichten doch nicht so ganz anfreunden, und ich mag auch niht auf rostigen Stühlen sitzen) und auch Industrial Design gefällt mir. Schäbbig nannte meine Oma sowas, und das hat keineswegs dieselbe Bedeutung wie "shabby". Wieso tun wir so?

Auch im Leben mögen sich ja viele Menschen nur ungern festlegen, sie vereinbaren ihre Termine (wenigstens die privaten) nicht mehr verbindlich ("Ich rufe dich noch an"), mögen niht mehr in Sportvereine eintreten sondern marschieren lieber in Muckibuden, wo man kommen und gehen kann, wie man will (gerne auch nächtlings). Man kauft keine Autos, man least sie. Oder fährt, wenn einem der Sinn danach steht, lieber mit einem Mietauto, wie zum Beispiel Car2go, als mit dem Bus. Mehr gezwungenermaßen haben viele auch kein festes Arbeitsverhältnis mehr, sondern werden für bestimmte Aufgaben ausgeliehen oder haben gleich einen Zeitjob.

Woher kommt bloß dieser allgemeine Trent zum Unverbindlichen, Unfertigen und Improvisierten? Das frage ich mich manchmal...





Kommentare :

  1. Das stimmt nachdenklich, gar etwas traurig.

    Aber froh bin ich doch, sagen zu können: Nein, eine solch unverbindliche Lebensweise könnte ich mir nicht vorstellen - in keinem Bereich.
    Da ich hier oft mitlese - meist still- bin ich ganz sicher, auch du lebst nicht unverbindlich vor dich hin.
    Lesenswerte Worte.. einmal mehr
    Danke :) Rina

    AntwortenLöschen
  2. Meine Liebe,

    ich liebe dein Posting heute! Es hat mich zum Schmunzeln UND zum Nachdenken gebracht.

    Aber in dem Punkt gehen unsere Meinungen auseinander: unverBINDlich finde ich den shabby schick nicht. für mich liegt viel mehr Verbindlichkeit und Verbundenheit in dieser Art zu wohnen, viel mehr Überlegungen, mehr Herzblut, als wenn ich heute zu einem 0815 Möbelhaus gehe und einfach ein paar vorgefertigte Teile kaufe und daheim "aufstelle". Mehr Ausdruck ist für mich dahinter und mehr LEBEN... aber über deine Beschreibungen des Shabby Schicks hab ich wirklich schmunzeln müssen.

    Schöne Gedanken heute, auch wenn ich den Wohnstil und die unten von dir beschriebenen Dinge für mich klar trennen kann.

    Lieben Gruß!
    Nora

    PS: Soll der Lieblingsmann dem Rabenmann eine Brieftaube mit Blumengrußideen schicken?!? ;O)

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Rabenfrau :)
    Lustige und gleichzeitig nachdenklich machende Worte, die-zumindest was den Wohnstil betrifft-ich nicht so hätte ausdrücken können, aber mir voll aus dem Herzen sprechen.
    Aber scheee ists trotzdem :)...und einen Spleen muss der Mensch ja haben.
    Ansonsten habe ich viele Verbindlichkeiten, aber das ist wohl dem Alter geschuldet,das was Du so treffend beschreibst, ist der heutige Zeitgeist.
    Schönen Sonntag, KoRa

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jede Nachricht von euch!
Grüßle
Ursel


Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts