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Über Hausnummern

12 Mai 2017

Seit wann gibt es Hausnummern?
FOTO: FSHH             via pixabay
Bei uns in Deutschland bekommt Häuser die Nummer vom Amt. Sie dient der eindeutigen Lagebeschreibung eines Gebäudes. Man sollte also denken, dass alles recht einfach und eindeutig ist. Aber, wie sprach schon Mark Twain anlässlich eines Berlin-Besuches:  „Bei den Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor der Erschaffung der Welt. (...) Zuerst denkt man, dies sei die Tat eines Blödsinnigen; allein, so mannigfaltige Arten, Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein Blödsinniger nicht imstande, sich auszudenken.“

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Häuser mit einer Hausnummer versehen werden?

Früher waren die Ortschaften noch klein, jeder kannte jeden, und jeder wusste, welches Haus gemeint war, wenn es hieß "die Hütte von der alten Anna". Manchmal behielten die Häuser auch die Namen, wenn die Eigentümer wechselten. Dann hieß die Hütte vielleicht immer noch "Anna-Haus", obwohl die alte Anna längst das Zeitliche gesegnet hatte. Auf die Dauer wurde das sicher ganz schön chaotisch. Deswegen bekamen die Häuser besondere Zeichen, so wie diese auf Rügen:

Hauszeichen auf Rügen
FOTO: CHRON-PAUL          (CC BY-SA 4.0)         via wikimedia
Sie waren eindeutig den jeweiligen Familien zugeordnet, und es wurden damit auch bewegliche und unbewegliche Gerätschaften gekennzeichnet, die den Familien gehörten.

Es gab natürlich auch Familienwappen an den Adelshäusern, oder auch kleine Bildchen, wie dieses hier in Landsberg, die meistens mit dem Beruf des Hausbesitzers zusammenhängen:

Hauszeichen

Regelrechte Hausnummern wurden zum ersten Mal in Paris verteilt, als Karl VI. über die Seine eine Holzbrücke (die erste Pont Notre Dame) bauen ließ, auf der 65 durchnummerierte Häuschen standen. Im 16. Jhdt. wurde die Brücke in Stein wieder aufgebaut, nachdem sie wegen Vernachlässigung eingestürzt war. Auch auf der neuen Brücke befanden sich wieder Häuser, die ebenfalls Nummern erhielten.

In Deutschland gab es die ersten Hausnummern ab 1519 in der Fuggerei in Augsburg. Man kann sie immer noch sehen:

Hasnummern in der Fuggerei 

1620 versuchte man es in Hamburg zwischendurch mit einer ABC-Straße, in der die Häuser in alphabetischer Reihenfolge "nummeriert" wurden. Die Straße gibt es übrigens immer noch, inzwischen allerdings mit "richtigen" Hausnummern.

Flächendeckend wurden Hausnummern im 18. Jdt. eingeführt, zuerst in den preußischen Garnisonsstädten, in denen die Soldaten in Privathäusern logierten und Bedarfsfall schnell gefunden werden mussten. Bald folgten dann auch andere Städte in Europa, zum Beispiel 1750 Madrid, 1762–1765 in London, 1779 Paris, Augsburg 1781, und erst 1799 Berlin.

Konskriptionsnummerierung

Dieses System ist wohl die älteste Art und Weise, den Häusern Nummern zuzuteilen. Dabei werden sämtliche Häuser einer Ortschaft einfach durchnummeriert. Neue Gebäude erhalten dann in der Reihenfolge, in der sie errichtet wurden, weitere fortlaufende Nummern. Durch den Abbruch alter Häuser werden deren Nummern wieder frei und neu vergeben. Manchmal gibt es das System noch in ländlichen Streusiedlungen, beispielsweise Einöd 9.

Ab und zu wurde dieses System sogar beibehalten, auch wenn inzwischen Straßennamen eingeführt wurden. So hat zum Beispiel Helgoland sogar 4stellige Hausnummern, wie in Köln. In Tschechien und der Slowakai ist das Knskripitonsnummern-Modell sogar noch Standart, dabei gibt es in größeren Städten dann noch Orientierungsnummern dazu.

Manchmal hat man das System auch auf einzelne Stadtteile oder Häuserblöcke angewendet, beispielsweise sind den den Mannheimer Quadraten die Häuser fortlaufend um diese herum nummeriert. Im Heidelberger Uni-Gelände Im Neuenheimer Feld haben die Häuser durchgängig dreistellige Nummern, an deren erster Zahl man die ungefähre Lage erkennen kann. In Venedig sind alle Häuser eines Viertels durchgängig nach Entstehungsalter nummeriert, was nach all den Jahren natürlich ein schönes Chaos ergibt. Wenn man dort ein Haus finden möchte, braucht man ein Verzeichnis, mit dem man es einer Straße oder einem Kanal zuordnen kann.

Orientierungsnummerierung

Man kann sich vorstellen, dass die Konskriptionsnummern in größeren Ortschaften natürlich schnell unübersichtlich wurden. Deshalb stellten die meisten von ihnen im 19. Jhdt. um auf die Nummerierung nach einzelnen Straßen. Das gängigste System dabei ist die „Orientierungsnummerierung“ nach dem  "Zickzackprizip", zuerst eingeführt 1850 in Paris. Auf der rechten Straßenseite befinden sich die geraden Zahlen, auf der linken die ungeraden. Dabei wird bei radialen Straßen rechts und links vom Ortskern ausgegangen (die kleinste Nummer am Ortskern), bei tangentialen im Uhrzeigersinn. Durch unterschiedliche Grundstücksgrößen oder spätere Straßenverbreiterungen kommt es oft vor, dass nebeneinander liegende Nummern sich nicht gegenüber liegen. Man versucht, das zu umgehen, indem zwischendurch Nummern nicht vergeben werden.

Hufeisennummerierung

Diese wurde vor allem in Preußen angewendet und hat heute noch Bestand. Dabei beginnt man mit der Nummerierung am ersten Haus auf der rechten Straßenseite, es geht fortlaufend weiter bis zum letzten Haus, dann geht es auf der anderen Straßenseite wieder zurück.

Diese Art der Nummerierung findet man noch in einigen Hamburger und Berliner Straßen und Vierteln. Eine Besonderheit bietet Braunschweig: Da wird in der Innenstadt die Hufeisennummerierung angewendet, sie beginnt aber an der linken Straßenseite.

Nummernzusätze


Hausnummer mit Zusatz

Bei neu erbauten Häusern zwischen den vorhandenen müsste man eigentlich jedes Mal den ganzen Straßenzug neu durchnummerieren. Um das zu vermeiden, verwendet man Zusätze, das sind  Buchstaben, z. B 35b, oder auch Zahlen, die man mit Schrägstrich anfügt, z. B. 7/1 oder auch 8-1. Letzteres findet vor allem in Württemberg Anwendung. Früher gab es auch "Bruchnummern", z. B. lautet die Hausnummer des Mathematischen Instituts in Erlangen 1½ . Die alten Nummern haben noch Bestand, heute werden die Bruchnummern meistens durch Buchstaben-Ergänzungen ersetzt.

Verpflichtung der Hausbesitzer

 Verschiedene Hausnummern

Wie oben schon gesagt, werden die Hausnummern vom Amt vergeben. Jeder Hausbesitzer ist verpflichtet, sie gut sichtbar an seiner Behausung anzubringen. Ob er sie einfach mit Farbe aufpinselt, selber ein Nummernschild töpfert, sich eines von einem "richtigen" Künstler anfertigen lässt, Metallnummern annagelt, oder ob er einfach eines dieser üblichen, blau oder weiß emaillierten Metallschilder anbringt, ist dabei gleichgültig. Er hat jedenfalls die Kosten für das Schild zu tragen und es im Falle eines Falles, wenn von Amts wegen die Nummern geändert werden, zu ändern oder zu ersetzen. 

Allerdings scheint mir, dass diese Vorschrift so gut wie gar nicht überprüft wird. Sicher kennt ihr das auch: Man läuft die ganze Straße entlang und sucht eine bestimmte Hausnummer, rennt aber ein paar Mal daran vorbei, weil zwischendurch immer wieder Häuser ohne Nummern da sind, und an dem Haus, wo man hin will, hängt natürlich auch keine...


Kommentare :

  1. Vielen Dank für die interessante Geschichte der Hausnummern!
    Liebe Grüße
    Calendula

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  2. Liebe Ursel,

    da habe ich jetzt mal wieder einiges Neues dazugelernt. Besonders spannend fand ich die Rügener Hauszeichen und witzig den Sager von Mark Twain. Ich war noch nie in Berlin, aber wenn ich mal hinkomme, werde ich ja sehen, ob es heute auch noch so verwirrend ist ;-)

    Alles Liebe, Traude

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  3. Menschenskinder Ursel, das habe ich alles nicht gewusst.

    Danke Dir
    Gabriele

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  4. Amüsant & informativ, dazu schön bebildert. Danke!-
    Ich wünsche dir für den derzeitigen Sandsturm einen lieben Partner an deiner Seite!
    Herzlichst
    Astrid

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Ich freue mich über jede Nachricht von euch!
Grüßle
Ursel


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